Sehr geehrte Kleingärtner, Siedler und Eigenheimer, liebe Gartenfreunde

Empfehlungen zur Förderung der Biologischen Vielfalt

Unter der Federführung der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau Heidelberg (LVG) wurde in den vergangenen Jahren im Rahmen einer Europäischen Innovationspartnerschaft das Projekt „BLÜHINSELN - Blüten für Bestäuber in der Stadt“ durchgeführt und im Jahr 2019 als Projekt der UN-Dekade Biologische Vielfalt ausgezeichnet.

Siehe: Zur Ansicht der Beitrag "Blüten für Bestäuber" sowie ein Informations-Flyer "Blüten für Bestäuber" für Jedermann zum Herunterladen!

Die Geschäftsstelle UN-Dekade Biologische Vielfalt lässt die Öffentlichkeit unter den ausgezeichneten Projekten jeden Monat ein „Projekt des Monats“ auswählen. Im Mai 2020 steht u. a. das Projekt „BLÜHINSELN - Blüten für Bestäuber in der Stadt“ unter nachfolgendem Link zur Wahl: https://www.undekade-biologischevielfalt.de/projekte/projekt-des-monats-waehlen/

Unter dem Link sind auch weitere Informationen zu dem Projekt hinterlegt.

 

Aus aktuellem Anlass:

  • Info-Portal Baden-Württemberg
     
  • Welche Änderungen bringt die aktuelle Corona-Verordnung vom 09. Mai für Kleingartenvereine?

    Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das Vereinsleben (Info 26. Juni 2020)

    Aufgrund der immer noch existierenden Ansteckungsgefahr, die ihren Niederschlag in den trotz mancher „Lockerungen“ immer noch aufrechterhaltenen Kontaktbeschränkungen der Corona-Verordnungen des Landes Baden-Württemberg findet, wird es vermutlich noch etwas dauern, bis im täglichen Leben und damit auch in den Vereinen wieder der gewohnte „Alltag“ einziehen kann.
    Der Landesverband verfolgt die Anpassungen der Corona-Verordnungen des Landes Baden-Württemberg und informiert die Vereinsvorstände zeitnah über die jeweiligen neuen Bestimmungen.

    Bei Fragen wenden Sie sich daher bitte an Ihren Vorstand.

    Die jeweils aktuelle Corona-Verordnung können Sie unter der folgenden Internetadresse nachlesen: https://www.baden-wuerttemberg.de/de/service/aktuelle-infos-zu-corona/aktuelle-corona-verordnung-des-landes-baden-wuerttemberg/

     

Aufruf an alle Pächterinnen und Pächter! (Text zum Herunterladen)

Liebe Gartenfreundinnen, liebe Gartenfreunde,
nachdem uns Vereine berichtet haben, dass trotz der derzeitigen, für jeden von uns bedrohlichen Gefahrenlage durch die Verbreitung des Corona-Virus „Großfamilientreffen“ auf Kleingartenparzellen stattfinden, betonen  wir nochmals, dass ausnahmslos jede Bürgerin und jeder Bürger und damit auch Kleingartenpächter  die gesetzlichen Vorgaben zuverlässig und in vollem Umfang einhalten müssen!
Kleingartenanlagen sind keine rechtsfreien Gebiete!
Bitte helfen Sie alle mit, die notwendige räumliche Distanz zu Ihren Mitmenschen unbedingt einzuhalten.

...

Literaturquelle siehe rechts: "Natur für jeden Garten", Reinhard Witt (Selbstverlag)

Gärten und Landschaften brauchen mehr Natur. Bienensterben, Insektensterben, Artensterben sind Schlagwörter, die jeden Tag in unser Gedächtnis gerückt werden; hinzu kommen Klimaerwärmung, Umweltverschmutzung und Globalisierung, die bei Entscheidungen für unser persönliches Handeln  als Beitrag zur Erhaltung von Arten zu berücksichtigen sind.  Das Bundesnaturschutzgesetz setzt relativ enge Maßstäbe für unsere Naturlandschaften, gilt aber nicht für den Siedlungsbereich, also nicht innerhalb von Städten und Gemeinden; es hat auch keinen Einfluss auf Kleingartenanlagen, welche ja durch das Bundeskleingartengesetz geregelt werden. Ebenfalls außen vor sind waldbaulich, landwirtschaftlich und gartenbaulich genutzte Erwerbsflächen. – So langsam wird auch dem Unbedarften klar, dass es sehr notwendig ist gerade die Flächen der übrig gebliebenen Restlandschaften, d.h. die Naturlandschaften, unter Schutz zu stellen, was auch durch zahlreiche geregelte Ausweisungen im besonderen Maße geschieht (siehe Kapitel 4 Bundesnaturschutzgesetz). In Kapitel 5 (§§ 37 bis 55) sind schließlich zahlreiche Regelungen zum Artenschutz: z. B. das Ihnen bekannte Gebot zum Schutz brütender Vögel stärkeren Schnitt von Bäumen und Hecken zwischen dem 1. März und dem 30. September zu unterlassen, und die unbedingte Verwendung von autochthonen Pflanzen außerhalb des Siedlungsbereichs und gewerblicher Nutzflächen.  –  Von daher ist für unser Klientel gut lachen: Sie als Gartenfreundinnen und Gartenfreunde dürfen also sofern Sie im Rahmen der guten fachlichen Praxis tätig sind (d.h. nicht gegen andere Regeln wie z. B. der Düngeverordnung oder der Gartenordnung verstoßen) im Hausgarten und der Gartenparzelle pflanzen und wirtschaften wie Sie wollen. Doch was macht Sinn, denn letztendlich verschafft uns eine hohe Artenvielfalt auch eine Win-Win-Situation infolge gesunden Bodens, Bestäubung von Pflanzen und biologischem Pflanzenschutz.

Sie wissen: allein die Rundumversorgung unserer Gärten mit Insektenhotels und weiteren Strukturen und Nistmöglichkeiten, die seit Jahren im Gange ist, ist nur die eine Hälfte der Wahrheit: Wir müssen Blüten und Pflanzen in unsere Gärten bringen, die von den Tieren, die bei uns leben sollen auch angenommen werden. Bei den Insekten sind dabei je nach Art (z.B. Schmetterlinge) auch Larven bzw. Raupennahrungspflanzen zu berücksichtigen, die Erwachsenenstadien benötigen für sich meist nur Pollen und Nektar. Unter den Pflanzen- und Blütenliebhabern aber auch unter den Vögeln gibt es nicht nur Generalisten, die ein breites Angebot zu schätzen wissen, sondern auch Spezialisten, die nur Pflanzen einer Gattung oder einer Art nutzen können. Die Nahrungs- und Versorgungskette (manche Spezialisten sind auch von weiteren Ausstattungsmerkmalen wie Haare, Flaum, usw. abhängig) muss stimmen. Sie werden hier wohl auch einsehen, dass Baumärkte mit ihrem 0815 Modeangebot an Waren und vielmals fremden Billigangeboten nicht die erste Wahl Ihrer Pflanzenversorgung sein kann. Es gibt hervorragende Gartenbaubetriebe, Baumschulen, Staudengärtnereien, Knollenpflanzen- und Samenhändler mit Schwerpunkten nicht nur auf Exoten sondern auch auf heimischen Pflanzen, nicht nur auf Hybridsaat sondern auch auf samenechten Sorten. Unser Vorteil ist, dass wir pflanzlich gesehen, in unseren Gärten aus dem Vollen schöpfen können: zu Hause wie im Kleingarten können wir durch zielgerichtete Begrünungsprojekte neue Refugien schaffen – an Möglichkeiten stehen uns Balkon, Terrasse, Eingangsbereich, Fassaden, Dächer, Garage, Carport, Wege, Zäune, Mauern in vielen Varianten zur Verfügung.

Reinhard Witt, ein sehr aktiver Biologe und Naturgärtner, beschreibt in seinen Büchern, die er im Eigenverlag vertreibt, Grundlagen, Möglichkeiten und Wege in der Errichtung von naturnahen Gärten bzw. Naturgärten. Seine Erläuterungen der Wechselbeziehungen zwischen den unterschiedlichsten Tieren und ausgesuchten Pflanzen, untermauert mit umfangreichem Bildmaterial, eröffnen einem selbst Variationen für eigene Projekte. Zur Klärung der einen oder anderen begrifflichen Einteilung und Verwendung von Pflanzen werde ich mich an Inhalte seines Buchs „NATUR für jeden GARTEN“ halten. Übrigens die Belohnung für eigenes Tun ergibt sich durch die Art der tierischen Besucher, insbesondere, wenn es sich um Spezialisten womöglich von der Roten Liste handelt. Wobei ganz wichtig zu sagen ist, dass es bei dieser Art von Gartenaktivitäten keinen Widerspruch zur kleingärtnerischen Nutzung gibt. Die Ziehung von Gemüse und Obst in Mischkultur, dazu eine hohe Artenvielfalt im scheinbaren Biodiversitäten-Chaos des gesamten Gartenareals sind noch immer recht einfach von einer ungepflegten verunkrauteten Kleingartenparzelle zu unterscheiden. Letztere sticht durch massives Aufkommen weniger sich in den Vordergrund drängender Beikraut-Arten meist abzählbar an einer Hand, hervor  - die Arten natürlich und nicht die Individuen; begleitet wird dieses Erscheinungsbild von wild wuchernden, überalterten Gehölzen.  

Unter Wissenschaftlern gibt es eine rege Diskussion sowohl über die Anzahl der heimischen Wildpflanzen als auch ihren Status. Natur ist eben ein dynamisches System: es wandern Arten zu, etablieren sich oder verschwinden wieder. Unter heimischen Wildpflanzen verstehen wir die indigenen und die archäophytischen Arten. Indigene einheimische Wildpflanzen sind Arten, die seit Urzeiten mindestens seit der letzten Eiszeit hier wachsen. Witt bezeichnet sie als „Uraltpflanzen“: Rund 3 000 Arten bzw. 71 % der gesamten Wildpflanzen Deutschlands. Beispiele: Gemeine Schafgarbe, Wiesenwitwenblume, Salweide, Waldgeißblatt. Archäophytische einheimische Wildpflanzen, Nach Witt „Altpflanzen“ sind ursprünglich gebietsfremde Arten, die zu historischen Zeiten zu uns kamen, d.h. zu Beginn des Ackerbaus, Handel der Römer, bis 1492 und dem kolumbischen Erbe: ihre Zahl betrifft nur 6 %, ca. 250 Arten. Beispiele: Mohn, Kornrade, gelb-blütige Wildtulpe, Färberkamille, Moschusmalve, Wegwarte, Nelkenleimkraut.
Heimische Wildarten konnten sich über lange Zeiträume an regionale Bedingungen anpassen, im Ökosystem als Öko-Partner etablieren. Regionalen Wild-Arten, der Beobachtungsraum sind freie Landschaften außerhalb der Siedlungsräume, werden schließlich als regionale autochthone Arten bezeichnet: heimische Arten, die in der Region natürlich vorkommen.  – Aus Gründen des Arten- und Naturschutzes (Bundesnaturschutzgesetz) sollten innerhalb dieser Räume nur Wildpflanzen aus der gleichen Region ausgebracht werden.

Neophyten (Neupflanzen) sind nach 1492 durch Menschen gewollt oder ungewollt eingeführt worden. Darunter zählen viele Nutz- und Zierarten, oft als „Exoten“ bezeichnet. Einige von Ihnen werden infolge ihres exorbitanten Ausbreitungsvermögens über Samen, vegetativ oder beides, als invasiv bezeichnet. Mit bestimmten aber verkannten Absichten ins Land gebracht, verwildern sie und erobern auf Kosten alteingesessener Wildpflanzen dessen Terrain; sie sind sozusagen penetrant ansässig: Beispiele: im Öffentliches Grün und Forst - Roteiche, Späte Traubenkirsche, Douglasie, Robinie; als Trachtpflanze verkannt - Indisches Springkraut, Kanadische Goldrute, Riesenbärenklau (auch Zierstaude), Sommerflieder davidii-Arten (Zier- und Schmetterlingsstrauch), Japanischer Staudenknöterich und Verwandte; unbeabsichtigte Einbürgerung/Verschleppung von Samen:  Afrikanisches Kreiskraut. Von den ca. 400 Neophyten-Arten zählen 40 als invasiv (siehe Internet: www.floraweb.de/neoflora/handbuch.html). Naturgärtner können also rund 360 nicht invasive Neophyten verwenden – einige zählen zu unseren schönsten und auch tierökologisch wichtigsten Gartenpflanzen: Nachtviole, Elfen- oder Frühlingskrokus, Zwergmandel, Blauminze, Prachtkönigskerze, Wildes Löwenmaul, Kaukasischer Blaustern, Nachtkerzen. Letztere fühlen sich auf

Neben den relativ eindeutig klassifizierten Arten wird zur hiesigen Wildpflanzenflora noch 13 % (umstritten) Unbeständige Arten gerechnet. Dies wird begründet mit einer generellen Fluktuation der heimischen Flora infolge des Klimawandels und der Landnutzung. Dies ist ein Hinweis mehr Toleranz für das aufzubringen, was da kommt. Dogmatisches Verhalten, starre Rezepte der Vergangenheit wird niemandem helfen. Eindeutige Verlierer in einem Naturgarten sind bei der Verwendung vieler Zier- oder Zuchtformen insbesondere Hybriden die Tiere. Hier handelt es sich um unter Berücksichtigung besonderer Merkmale genetisch ausgelesene Stark veränderte Formen. Beispiele für selektierte Eigenschaften: übernatürlich große oder dichte Blüte, knallbunte Farben, verlängerte Blützeiten, gefüllte Blüte ohne Samenbildung, unnatürliche Wuchsformen (Drehwuchs, Zwergformen - Oft Saison- und Austauschware). Tiere können mit Turbopflanzen nichts oder im Vergleich mit heimischen Wildformen nur wenig anfangen.

Jedoch gibt es auch von heimischen Wildpflanzen genetische Abweichler. Es ist ganz natürlich, dass in einer Ansaat nicht alle Nachkommen einer Pflanze gleich groß sind. Auch Blütenfarben variieren. Auch kommt es immer wieder vor, dass es in der Natur weiße Ausreiser gibt. Manche Arten neigen insgesamt zu einer größeren genetischen Variation, etwa die Wiesenwitwenblume Knautia arvensis, wo sich auf einer Blumenwiese das ganze Farbenspektrum von weißlich über Rosa bis hin zu dunkellila finden kann. Andere sind sparsamer, etwa der Wiesensalbei Salvia pratensis, der nur äußerst selten rosa oder weiße Farbvariationen liefert. In aller Regel sind solche genetischen Abweichungen ähnlich wertvoll wie der Haupttyp. Es handelt sich, je nach Ursprung und Klassifizierung, um Sorten, um Ökotypen bzw. Unterarten. Genetische Varianten haben wir in allen möglichen Merkmalen, auch in Bezug auf die Blütendauer, was bei einer Verfrühung und Verlängerung für manche Blütenbesucher von Vorteil ist, da durch die frühen Ausreiser die Nektarernte in diesem Naturgelände eher beginnt und länger anhält.
Heimische Wildstaude oder Sorte: es ist nicht leicht zwischen echten Wildformen und Sorten zu unterscheiden. Oftmals verbirgt sich dahinter eine heimische Wildplanze, entstanden durch spontane Mutation im Erbgut und wurde entweder in der freien Natur oder in einer Gärtnerei gefunden. Somit ist der Begriff „Sorte“ gelegentlich irreführend. Auch die Vermehrungsart bei Sorten von Wildstauden wird unterschiedlich gehandhabt: Manche fallen stets samenecht aus und können über das Saatgut vermehrt werden, andere Sorten entwickeln sich zurück in eine ursprüngliche Form und müssen vegetativ, d.h. über Stecklinge, Teilung oder das Klonen aus Zellkulturen reproduziert werden. Das führt trotz heimischer Herkunft und Wildstaude zu genetisch identischem Material – solche Pflanzen widersprechen eigentlich den Grundsätzen einer Wildpflanzenproduktion, die ja generativ stattfinden soll und daher von genetisch unterschiedlichen Pflanzen ausgeht. Für den eigenen Garten wird diese Diskussion aber dann eher irrelevant.

Naturnahe Sorten von Gehölzen: das genetische Roulette  jeder generativen Vermehrung ist natürlich auch bei Wildgehölzen im Spiel. Es kommt zu Abweichungen. Wildpflanzenzüchter betrachten solche Spielereien der Natur aufmerksam und nutzen sie, wenn die Gunst der Stunde schlägt. So ließe sich eine Vielzahl von naturnahen Kleingehölzen finden, mit neuen Möglichkeiten der Pflanzenverwendung. Dabei ist es klar, dass solche Sorten keine heimische Pflanzen mehr sein können. Ebensolches gilt für Gartenrosen. Wir haben es bei Kreuzungen zwischen Arten und Sorten immer mit nichtheimischen Pflanzen zu tun, doch auch sie können überaus bereichernd sein.

Fazit: Jeder Schritt in Richtung Naturgarten ist positiv zu bewerten, da die heimischen Tierarten auf heimische Pflanzen stehen. Anpassungen an „Neuheiten und Exoten“ verlaufen nicht so wie man es sich wünscht und gerade die Spezialisten unter den Tierarten gehen uns verloren. Je mehr Wildarten oder naturnahe Arten und Sorten mit offenen nektar- und pollenhaltigen Blüten Sie in Ihren Garten bringen, umso besser. Sie müssen aber nicht unbedingt auf Ihre gefüllte Lieblingsrose verzichten - Sie schaffen ja einen Ausgleich. Auch die Verwendung beispielsweise von Sommerflieder ist zulässig – sie sollten eben schauen, dass er sich nicht per Samen weiter ausbreitet. Natürlich gibt es bezüglich der Verwendung von Pflanzen enorme Vertiefungsmöglichkeiten, doch alles zu seiner Zeit. Hinweisen möchte ich auf diverse Literatur über Trachtpflanzen und den im Internet abrufbaren Bienenweidekatalog des Ministeriums Ländlicher Raum Baden-Württemberg. Ansonsten empfehle ich Ihnen die Bücher von Reinhard Witt (im Selbstverlag) - Name in Google eingeben.

Fachberater Jörg Gensicke


Als Biologe erlebt man zur Zeit seine ganz persönliche Auswirkung der Corona-Krise: „Du hast doch mal Biologie studiert, was meinst denn Du dazu?“ Darauf folgt eine Antwort, die angesichts des vielen Leides und der zunehmend lästiger werdenden Einschränkungen des gewohnten Lebens kaltherzig und zynisch klingt und zunächst auch Verblüffung beim Gegenüber auslöst: „Epidemien sind eine Antwort der Natur auf eine zu hohe Populationsdichte, die eine Überlastung der lebenswichtigen Ressourcen zu Folge hätte, um so langfristig das Überleben der Art zu sichern“.
Zu Zeiten, als die Menschen noch in Kleingruppen als Jäger und Sammler durch die Welt zogen, hätte das Überspringen solch eines Virus vom Beutetier auf den Jäger nur dessen kleine Sippe betroffen, zumal man sich aus Nahrungskonkurrenzgründen von anderen Sippen ohnehin in weitmöglichster Distanz hielt. Erst mit dem Sesshaftwerden des Menschen in immer individuenreicheren Niederlassungen konnten Krankheitserreger zu Epidemien (regional begrenzte Krankheitsausbrüche) oder - durch die Globalisierung begünstigt - auch Pandemien führen.
Wie es aus heutiger Sicht (08. April) aussieht, zeigen die Kontakteinschränkungen durch einen Rückgang der täglichen Neuinfektionszahlen langsam die erhoffte Wirkung, so dass hoffentlich eine Verlängerung des Corona-Ausnahmezustandes über den 15. Juni hinaus nicht erforderlich sein muss.
Dennoch sollten diese Zeiten nicht vergessen und verdrängt werden, sondern die Krise als Anlass genommen werden, einige kritische Fragen zu stellen, denn das nächste Virus kommt bestimmt und schlägt vielleicht noch wesentlich aggressiver zu als das COVID-19-Virus:
● Ist die derzeit trotz aller Warnzeichen immer noch zugelassene oder sogar geplante Massierung von Menschen in Ballungsräumen sinnvoll bzw. verantwortbar? Dasselbe gilt auch für die Konzentration von Industrie und produzierendem Gewerbe an wenigen Orten.
● Ist die Ausrichtung nicht nur der Industrie und des Bankenwesens, sondern auch der medizinischen und caritativen Einrichtungen alleine an finanziellen Aspekten gesamtgesell-schaftlich langfristig zielführend - von der Menschenwürde einmal ganz zu schweigen?
● Wiegen die Risiken des „Outsourcens“ der Herstellung vieler lebenswichtiger Dinge (Medikamente, Nahrungsmittel, Energieversorgung, …) in Länder mit billigeren Produktions-kosten den dadurch möglichen „Genuss“ kurzfristig abschöpfbarer Gewinne wirklich auf?
● Wurden die politischen Verantwortungsträger nach dem nicht mehr zu verheimlichenden Ausbruch der Krankheit in China zügig und umfassend über die Risiken informiert und wurden wirksame Gegenmaßnahmen wirklich so schnell wie möglich ergriffen?
Beginnen wir mit der letzten, weil mit der geringsten „Systemrelevanz“ behafteten Frage:
Ob ein Krankheitsausbruch zur Epidemie oder gar Pandemie wird, entscheidet sich schon sehr früh, denn wenn es gelingt, die Infektionskaskade zu unterbrechen, kann man den Krankheitserreger im günstigsten Fall lokal isolieren oder zumindest seine Ausbreitung so weit verlangsamen, dass ausreichend Zeit für Gegenmaßnahmen, vielleicht sogar für die Entwicklung eines Impfstoffes oder Medikaments bleibt.
Dies bedeutet: Je früher und umfassender die Weltgemeinschaft informiert wird, desto niedriger bleiben die Opferzahlen und auch die Kosten bzw. finanziellen Verluste.
Wie viel niedriger verglichen mit den Kosten des „Shutdown“ in vielen europäischen Ländern wären Kompensationszahlungen für die Wintersportgebiete gewesen, mit denen man die finanziellen Folgen einer sofortige Schließung nach Bekanntwerden der ersten Infektionsfälle hätte ausgleichen können.
Auch in Deutschland wäre eine kritischere Betrachtung des Krisenmanagementes vor allem in den ersten Tagen angebrachter als einzelne Politiker oder Wissenschaftler in der Presse als Heilsbringer hochzustilisieren.
Nicht (zu späte) Abschottung, sondern frühzeitige maximale Zusammenarbeit ist das Gebot solcher Stunden. Und zeigen wir auch nicht mit dem Finger nach China, denn niemand weiß, an welchem Ort der Erde der nächste katastrophale Erreger auftauchen wird.
Was das Verlagern von Produktionskapazitäten zur Gewinnmaximierung betrifft, so verursacht dieses schon in Nicht-Krisenzeiten erhebliche (Umwelt)Nachteile und hohe Kosten, die zum größten Teil nicht von den Verursachern getragen, sondern dem Staat und damit jedem Steuerzahler aufgedrückt werden:
Die systembedingt erforderlichen Transporte erhöhen den Energieverbrauch und tragen damit erheblich zum Klimawandel bei.
Die Verkehrssysteme werden überlastet, was durch Staus und Verspätungen nicht nur für die heute übliche just-in time-Produktion nachteilig ist, sondern auch für viele Pendler sinnlose (Lebens)Zeitverschwendung mit sich bringt.
Die Abhängigkeit von Zulieferern in anderen Ländern und damit auch von den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen dort kann nicht nur das Funktionieren der Industrie in den Einfuhrländern beeinflussen, sondern auch eigentlich erforderliche klare politische Weichenstellungen verhindern.
Eine Globalisierung zur Gewinnmaximierung verbindet die Völker nicht, sondern erzeugt genau das Gegenteil: Auseinanderdriften der Lebensverhältnisse, Neid und (geistige) Abschottung.
Das Grundübel nicht nur unseres Gesundheitssystems, sondern auch der (vorgeblich sozialen Markt-)Wirtschaft ist das absolute Diktat der Rentabilität, auf deren Altar alles geopfert wird, was für ein menschliches Miteinander entscheidend ist, sei es in den Ausbildungsstätten, auf der Arbeit, im Krankenhaus oder im Pflegeheim: Zeit, gegenseitige Achtung und Empathie.
Und damit führt sich das System selbst ad absurdum: Durch Konkurrenzdenken, Überlastung, Angst und Resignation und die daraus resultierenden gesundheitlichen Probleme sowie deren wirtschaftlichen Folgen entstehen unter dem Strich weit höhere Kosten als eingespart werden.
Noch teurer kommt uns der durch die überall für erforderlich gehaltene Rentabilitätskontrolle aufgeblähte Verwaltungsapparat, der durch eine zunehmende Flut an Vorschriften nicht nur selber ständig neuen Stellenbedarf erzeugt, sondern Entscheidungsprozesse zu Glücksspielen werden lässt und jegliche Kreativität und Eigenverantwortlichkeit unterbindet.
Wer glaubt, aus der Corona-Krise nur den Schluss ziehen zu brauchen, dass es mit höheren Gehältern in medizinisch-caritativen und „systemrelevanten“ Dienstleistungsberufen getan ist - so wichtig diese auch als Ausdruck der Wertschätzung tatsächlich sind - verhindert eine Lösung der strukturellen Probleme und zementiert die falsche „Einstellung“ des Systems weiterhin.
Ein Gesellschaftssystem, das den Menschen aus dem Zentrum rückt, wird unmenschlich.
Wesentliche Kennzeichen unseres Wirtschaftssystems und der daraus sich ergebenden Strukturen sind Wachstum - oft um jeden Preis - und Konzentration, also das genaue Gegenteil von den Prinzipien, mit denen die Natur so erfolgreich über Jahrmillionen agiert: Vielfalt, Dezentralisation und Nachhaltigkeit.
Je größer eine Struktur wird, desto aufwendiger wird ihre Erhaltung und desto anfälliger wird sie für Störungen. Dies lässt sich am besten am Beispiel der großen Ballungsräume weltweit sehen, die in der Corona-Krise durch eine besonders schnelle „Durchseuchung“ auffallen und wo auch die größten Probleme bei der (Gesundheits)Versorgung auftreten.
Dasselbe gilt für die Zentralisierung, ganz gleich ob in Verwaltung oder Wirtschaft: Auch sie ist extrem störanfällig und hat den Nachteil langer komplizierter Kommunikationswege (Bürokratie!) und dadurch schwerfälliger Entscheidungsprozesse, deren Ergebnisse mangels detaillierter Kenntnis der Umstände vor Ort nicht selten auch noch mangelhaft oder sogar falsch sind.
Leider hat hier die Politik es auch in Deutschland versäumt, von ihrer Gestaltungsbefugnis Gebrauch zu machen und vor allem nach der Wiedervereinigung durch eine entsprechende Struktur- und Wirtschaftspolitik eine soweit wie möglich ausgeglichene Wirtschafts- und Bevölkerungsverteilung sicherzustellen.
Ungleichgewichte sind wie Druckunterschiede: Werden sie zu groß, wird es gefährlich.
Geradezu schamlos sind die Bestrebungen mancher Politiker, die Corona-Krise zum Ausbau ihrer Machtposition zu missbrauchen.
Auch in Deutschland wurden durch staatliche und von den Bundesländern ausgesprochene Verordnungen im Grundgesetz verankerte persönliche Rechte eingeschränkt. Die meisten dieser Maßnahmen sind aufgrund der derzeitigen Situation sinnvoll und nachvollziehbar, aber sie müssen auch eine wohlbegründete Ausnahme bleiben und stetig an die aktuellen Erfordernisse angepasst, d.h. nun hoffentlich bald schrittweise wieder aufgehoben werden. Damit ihre klaglose Akzeptanz durch die meisten Bürger nicht dahingehend interpretiert wird, dass sich diese ihrer Grundrechte nicht bewusst sind, müssen wir den Lockerungsprozess aufmerksam begleiten, um eines Tages wirklich wieder auf dem Ausgangsniveau anzukommen.
Nicht der „starke Mann an der Spitze“ ist besonders in Krisenzeiten gefragt, sondern das Mitarbeiten, -denken und -fühlen der Bürger an der Basis.
In den letzten Tagen und Wochen durften wir lernen, was im Leben wirklich wichtig ist, nämlich Menschlichkeit, Solidarität und gegenseitige Unterstützung.
Wir durften auch lernen, wie wenig man eigentlich zum Leben braucht und wie viel Luxus entbehrlich ist, ja sogar eher belastet.
Und wir durften die wichtige Erfahrung machen, dass sich mit etwas Kreativität und ein bisschen Mut, Neues auszuprobieren, ungeahnte Alternativen auftun und manche Einschränkungen so erträglicher gemacht werden können.
Viele von uns haben auch die maßvolle Einschränkung ihrer persönlichen (Bewegungs)Freiheit akzeptiert und so noch weitergehenden „Isolationsvorschriften“ vorgebeugt. Manches Mal hatte man sogar den Eindruck, dass sich Menschen trotz der einzuhaltenden räumlichen Distanz menschlich näher kommen als früher …
Zum Schluss der Schritt von der großen weiten Welt in den (Klein)Garten.
Nie war der (Klein)Garten so wichtig wie heute: In vielen Rückmeldungen auf die Verhaltensempfehlungen des Landesverbandes ist die Erkenntnis zwischen den Zeilen zu lesen, wie sehr das kleine grüne private Paradies zur Erhöhung der Lebensqualität besonders in solchen schwierigen Zeiten beiträgt. (Klein)Gartenbesitzer sind hier wirklich eine begünstigte Bevölkerungsgruppe und es sollte alles Mögliche dafür getan werden, um noch mehr Menschen zu einem Garten zu verhelfen.
Dazu zählt nicht nur die Neuausweisung von Kleingartenflächen - ggf. auch durch Umwandlung von in der Pflege teurem Öffentlichem Grün - vor allem in den Ballungsgebieten, sondern es müssen auch die derzeitigen Strukturen über- oder vielleicht auch ganz neu gedacht werden: Kleinere Parzellen, die gemeinschaftliche Nutzung von Parzellen z.B. als Senioren- oder Familiengärten, „offenere“ und zeitlich befristete Pachtformen wie „Schnuppergärten“ zum Testen der eigenen „Garteneignung“ oder als Integrationshilfe, reine „Grabelandflächen“ zum Gemüseanbau und auch eine verstärkte Kooperation der Vereine mit Kindergärten und (Grund)Schulen für eine bessere Naturerziehung und eine „freizeitgärtnerische Grundausbildung“.
Interessante Vorschläge für die Anpassung des Kleingartenwesens an die sich (positiv!) verändernden Anforderungen vermittelt auch die vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Auftrag des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat (BMI) im Jahr 2019 erarbeitete Studie „Kleingärten im Wandel – Innovationen für verdichtete Räume“, deren Kernaussagen im letzten Fachberater des BDG zusammengefasst wurden. Manches hier Vorgeschlagene wird aufgrund des hohen Verwaltungsaufwandes nicht ohne Anpassungen in ehrenamtlich geführten Vereinen umsetzbar sein, aber die grundsätzliche Bedeutung des Kleingartenwesens wird anerkannt und begründet.
Und das sollte uns Mut machen, aus unserer derzeitigen vorwiegend auf „Bestandsschutz“ konzentrierten Defensive auszubrechen und selbst gestaltend die neuen Herausforderungen anzunehmen, bevor uns andere den Weg vorgeben.
Die meisten Krankheiten sind gleichzeitig auch Indikatoren: Sie weisen auf Fehler oder Schwachstellen hin und fordern zum Lernen und Umdenken auf.
Wenn wir es versäumen, die uns vom COVID-19-Virus aufgegebenen „Hausaufgaben“ zu machen, könnte uns schon der nächste Krankheitserreger noch vor weitaus größere, im schlimmsten Falle vielleicht sogar existentielle Probleme stellen.
Und wenn manche Politiker jetzt einen schnelles Zurück zur „Normalität“ fordern, also in den „alten Trott“, dann zeigt das doch, dass sie nichts gelernt haben.
Natürlich müssen wir wieder zurück in eine Normalität, die aber hoffentlich etwas anders wird als vor der Corona-Krise, nämlich menschlicher, naturbewusster und verantwortungsbetonter.
Dann hätte uns dieser Krankheitserreger wenigstens nicht nur Leid und Einschränkungen gebracht.

Harald Schäfer
Landesfachberatung

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